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Gestatten, mich vorzustellen: freundlicher, lustiger Kerl mit geringer Statur und grosser Klappe. An dieser Stelle sollten jetzt meine sportlichen Erfolge und Auszeichnungen stehen. Aber ausser einer Teilnahme- Urkunde des deutschen Sportfestes 1998 habe ich da nichts vorzuweisen.

Alter: 37
 


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Tinder ist wie Heroin

Zugegeben, was für eine reißerische Schlagzeile, zumal sich meine Erfahrungen mit harten Drogen mehr als in Grenzen halten. Da reicht es eben nicht, "Fear and Loathing in Las Vegas" gesehen zu haben.

Nach meinem 4. Date in Singlephase 2 ( also nach der dritten Ex), hatte ich ein tolles Gefühl. Endlich mal Eine, die ich behalten wollte. Gleich schon das zweite Date ausgemacht und sie schien interessiert. Ich so "Yeah! Sie ist hübsch und intelligent! Die will ich gleich einpacken und mitnehmen!" Dann folgte eine Woche nix und dann, nach meiner Anfrage, wie es mit Date 2 aussieht, die Abfuhr. Der Moment, wo ich Tinder deinstallierte. Quasi den Heroinbeutel das Klo runterspühlte und die Spritzen in den Müll warf. Kalter Entzug also. Ich brauch das nicht. Komme besser ohne klar. Was ist schon Tinder? Keine zwei Tage später lächelte das rote Flammenicon wieder auf meinem Handydisplay auf. Ein Rückfall. Jetzt mache ich das heimlich. Ich kann jeder Zeit damit aufhören. Ich hab's unter Kontrolle. Gesprochen, wie ein echter Junkie.

Dann saß ich bei meiner besten Freundin und schaute auf dem Sofa mit ihr Filme. Ja, wir sind beste Freunde, also nix mit Fummeln bis er drin ist..Wir hielten den Film an, damit sie eine Toilettenpause einlegen konnte. Ich fischte heimlich nach dem Handy und swipte etwas herum. Ah, 29 und 4 Kilometer weg: yes. 35, 4 Kinder und 80 Kilometer weg? No!

Dann kam meine Freundin aus der Freundschaft minus wieder.Ich hatte das Handy schnell weggelegt und fischte mir einen schönen Kartoffelchip aus der Snackschale. " Is was? Ich mach doch gar nix..."Schon bitter, seine Liebsten zu belügen. Irgendwann sollte ich mal in eine Selbsthilfegruppe. Anonyme Tinderer oder so.

5.8.19 20:49, kommentieren

Darf ich bitten?

Was soll man eigentlich mit all der Freizeit anfangen, die man als Single hat? Immer nur in Bars und Clubs gehen, ist keine Dauerlösung. In diesem Jahr hatte ich eine Eingebung: ich wollte etwas neues lernen. Eine neue Fähigkeit, einen Skill, ein Talent- wenn man so will. Als ein befreundetes Pärchen davon erzählte, jetzt einen Salsakurs zu machen, habe ich nicht lange nachgedacht und mich sofort eingeschrieben.

Es gab viele Gründe. Erstens zählt meine beste Freundin zur Salsazunft, die mich sogar schon zu einem solchen Tanzabend mitgenommen hat und zweitens, lernt man hier neue Leute und vielleicht auch mal eine Partnerin kennen, die einem nicht auf die Füße tritt. Denn, wer zusammen tanzen kann, der harmoniert auch sonst gut.

So stand ich also in einem Raum der Hochschule, wo sich einige Tanzwillige eingefunden hatten. Teils junge Frauen mit dem Wunsch, einen der sinnlichsten Tänze zu lernen, teils Männer, die wohl ihrer Partnerin zuliebe eingewilligt haben. Und dazwischen ich. In mir kreiste die Frage, wer jetzt meine Tanzpartnerin würde. Die Antwort: Alle! Im Salsa wird der Reihe nach gewechselt. Social nennt sich das, wenn jeder mit jedem. Und das hilft nicht nur, jeder Frau begreiflich zu machen, wo man sie hinführen will, sondern formt mitunter auch eine interessante Tanzgemeinsachft. Man gründete eine Salsa- Whatts-App-Gruppe, für die Welt außerhalb der Tanzschule. Und schnell stand für mich fest, Salsaabende zu besuchen, um meine begrenzten Figuren bis zur Sicherheit zu proben. Man fordert eine Dame auf, sie sagt meistens ja und schon dreht man sich auf dem Parkett. Anfangs hatte ich solche Ehrfurcht vor den langjährigen Tänzern, dass mein Hirn den Grundschritt gelöscht hatte und ich dümmlich tippelnd meinen Rhythmus gesucht habe. Doch schon am zweiten Abend wirkte das alles deutlich sicherer. Mit jeder Tanzstunde freute ich mich auf etwas neues, das ich gleich im Anschluss im Tanzkeller ausprobieren konnte. Und es machte riesigen Spaß, die Damen zu drehen und zu versuchen, einen harmonischen Tanzstil hinzubekommen. Die 10 Wochen vergingen wie im Flug und der Aufbaukurs ist bereits beschlossene Sache. Erstaunlich, wie aus einer spontanen Idee ein neues, fesselndes Hobby werden konnte. Wir sehen uns beim Salsa.

3 Kommentare 4.7.19 12:33, kommentieren

Musik und Schnauze halten

Jeden Donnerstag zieht es mich ein wenig zur Kultur. Dann sitze ich in einem Club, wo Straßenmusiker auftreten. Ich bin dann nicht von einem Hipster zu unterscheiden. Bart? Check! Club Mate? Check! Chucks? Check! Holzfällerhemd? Check! Dummes Gesabbel? Che... nö!

Hier treffen sich viele StudentInnen und schwafeln viel über die großen Probleme unserer Generation, die sie durch vegane Ernährung und Kiffen zu lösen gedenken. Während der scheue Straßengitarrist versucht, seine Musik darzubieten, prosten sich die Mädels am Tisch vor der Bühne laut zu. Der Musiker wird unruhig. Er greift zum Mikrofon: " Der nächste Song ist sehr leise und gefühlvoll. Ich finde es toll, dass ihr euch unterhaltet, seid aber bitte jetzt still!" Autsch! Eine Rüge vom Sänger. Doch hat er Recht? Wieso kann sich keiner mehr auf schöne Musik und Gesang konzentrieren? Die 2-Mann Band aus Gitarrist/ Sänger und einem Schlagzeuger, der auf einer Cajon sitzt und sich einen abtrommelt, ist wirklich gut. Ich wippe mit dem Fuß und nicke mit dem Kopf. Kurzum: ich gehe voll ab!

Dennoch frage ich mich, wann den Menschen der Sinn für das Schöne abhanden gekommen ist. Sind alle nur hier, um ihren Facebookstatus zu aktualisieren? Kann keiner mehr einfach nur still sein und die Ohren öffnen? Wo ist die Neugier und die Auffassungsgabe geblieben, die wir als Kinder hatten, bevor uns Handys zu Smombies gemacht haben. "The walking dead" ist in Gebieten mit kostenlosem WLAN doch längst Realität geworden.

Ich sehe in den Straßen nur noch Leute, die ohne Handy keine zwei Meter weit kommen. Ein Grund mehr, dass ich kein Pokémon Go mehr spiele! Wie soll man fremde Frauen anlächeln, wenn sie nicht mehr geradeaus schauen? Es ist eine verrückte Welt. Und so muss sich auch der Musiker fühlen, der scheinbar nicht für ein Publikum spielt, sondern mehr für sich. Es hört ihm ja doch keiner zu.

2 Kommentare 10.4.19 22:44, kommentieren

Glück kann man jetzt lernen

Wenn ich hier meine eigenen Einträge nochmals durchlese, entgeht mir keinesfalls eine gewisse Unzufriedenheit und ein Hang zur dramatischen Meckerei. Zumindest sind da Tendenzen. Wie schön, dass ich erst vor kurzem lesen durfte, dass es in Heidelberg das Unterrichtsfach "Glück" gibt. Quasi die ultimative Hilfe zur Selbsthilfe. Denn wie viele Menschen tatsächlich glücklich sind, kann vermutlich mit wenigen Fingern nachgezählt werden- ließen wir die Kinder einmal außen vor. Doch woran macht man sein eigenes Glück fest? Materielle Dinge? Reisen? Liebe? Sex? Familie? Es ist für jeden etwas anderes, je nach Kulturkreis und Religion. Ist für mich Glück, dass ich die Bahn noch bekommen habe oder Captain Morgan im Angebot war? Ich denke an meine Zeit in einer Beziehung zurück. War ich da glücklicher als jetzt? Was mein Liebesleben anging, bestimmt. Aber was ist mit dem Rest meines Lebens? Wenn man so darüber nachdenkt, kommt man zum Schluss, dass eine Frau im Leben einen nicht automatisch glücklicher macht. Das muss man schon selbst erledigen. Trotzdem hätte ich mir sehr gern dieses Unterrichtsfach gewünscht. Ich wüsste auch ein Tauschfach. Mathe!

3 Kommentare 1.4.19 18:50, kommentieren

All you can friss

Wir leben in einer schönen Welt. Also, wir deutschen Durchschnittsbürger. Wir leiden keinen Hunger und uns ist auch nicht kalt. Das ist gut. Auf dem Arbeitsweg liegen keine Tretminen, außer die von unverantwortlichen Hundehaltern.Doch statt jetzt mit dem Finger zu wedeln und den Konsum zu verteufeln, muss ich gestehen, dass mich gestern mein Weg in ein All-You-Can-Eat-Buffet eines Mongolischen Grills geführt hat. Quasi Disneyland für Adipöse. Also mich. Als charmante Begleitung war eine gute Freundin dabei. Sie, rank und schlank- ich, weder und noch. Wir bewaffneten uns also gleich mit Tellern und trotteten selbstbewusst auf die feinen Speisen zu. Sushi, Haifisch, Känguru, Murmeltieraugäpfel und getrocknete Salamanderkniescheiben- was das Herz begehrt. Mit ein wenig Alibi- Gemüse und einer leckeren Soße wird es dann frisch gebraten und serviert. Lecker. Nur keine Fehler machen, wie Reis oder andere sättigende Beilagen essen, sonst schafft man die ganzen Leckereien nicht. Was für eine Strategie: Essen, in der Hoffnung, nicht satt zu werden! Ganz schön dekadent. Aber so ist das. Mit Staunen beobachte ich, wie mein Gegenüber Teller für Teller anliefert und sich schnell und mit der Effizienz einer Boa Constrictor über die kulinarischen Kostbarkeiten hermacht. Ich musste da schon öfter pausieren und habe versucht, mich nach einem Verschnaufer wieder ans Buffet zu wagen. Meine Kontrahentin war da längst mit den Desserts zugange. Bei Eis und einem halben Stück Kuchen wollte ich ihr noch meinen letzten Kampfgeist beweisen. Der wurde aber von üblem Bauchstechen gequält. Der darauf folgende Spaziergang war nötig. Auch wenn ich eher gerollt als gelaufen bin...Das Fazit: gute Esser sehen nicht immer so aus. Versuche nie eine schlanke Frau im Wettessen zu schlagen. Man vertut sich da recht schnell.

27.3.19 18:21, kommentieren

Da waren es schon zwei

Das Problem, wenn man Beziehungen in seiner Stadt hat? Man hat dann auch Exfreundinnen in seiner Stadt! Quasi emotionaler Restmüll aus dem Beziehungs- Atomkraftwerk...Ob man nun in einem kleinen gallischen Dorf oder in Metropolis wohnt, ist egal! Sie laufen einem über den Weg. Da kann man nichts machen. Die Damen sind ja nun mal keine Gefährder und können so ohne weiteres nach Afghanistan abgeschoben werden. Nein, sie leben in einem Umkreis von 2 Quadratkilometern und man begegnet ihnen fast zwangsläufig. Dann schauen sie absichtlich weg und tun so, als wäre der Hydrant oder der Hundehaufen am Bürgersteig gerade ungeheuer interessant. Da sich der Gesichtsausdruck dann in etwa so beschreiben lässt, als hätten sie gerade eine Hornisse verschluckt oder auf eine lockere Zahnfüllung gebissen, gehe ich davon aus, dass meine Präsenz durchaus wahrgenommen wurde. Was soll ich machen? Die eine wohnt mit ihrem neuen Typen zwei Querstraßen weiter, die andere Dame haust irgendwo auf meinem kurzen Arbeitsweg in der Studentengegend. Ab wie viel Exfreundinnen im gleichen Stadtviertel sollte ich eigentlich über eine neue Staatsbürgerschaft nachdenken? Man kann ja nicht ständig hinter parkenden Autos kauern oder Deckung suchend in die Kühltheke springen. Aber dieses "Ich sehe was, was du nicht siehst und dass bin ich!"- Spielchen kann mit Ende 30 sehr ermüdend werden. Ich meine, ich liebe Spiele. Aber da darf ich wenigstens auf alles schießen, was sich mir nähert. Oder ich überfahre es mit dem Batmobil. In der Realität sieht es anders aus. Da greift man zur politischen Ignoranz. Quasi: " Da war doch wer? Hab mich geirrt. Es war nur ein Hydrant mit etwas Hundekot."

18.3.19 19:55, kommentieren

Von Frauen und anderen Extremen

Da bin ich wieder. Angemeldet in einer Singles- App, von denen ich eigentlich zu seiner Zeit feierlich abschwor. Doch man kennt das ja: alte Versprechen wirft man, ähnlich wie gute Vorsätze, bei der nächsten Gelegenheit gern über Bord. Über das Für und Wider von Singles- Apps muss ich nicht diskutieren. Da helfen ältere Blogeinträge sicher mehr. Aber ich bin von den dortigen Frauen sehr überrascht. Wo sind die netten Mädchen von nebenan? Die bodenständigen? Die einfachen? Die liebenswerten? Jetzt sind alle plötzlich vegane Trendsetter, multilingual, Globetrotter, Schampusschwenker, tiefsinnige Kulturkritiker, Freizeitphilosophen, Glückskeksautorinnen, Extremsportler und so weiter. Sie machen Handstand auf einem Surfbrett, Yoga im Wald oder balancieren auf einer Slackline. Nichts ist einfach nur noch Leben. Das Leben muss gefeiert, inszeniert, zelebriert werden. Wer da nicht mithält, ist out. Warum suchen solche Frauen eigentlich nach Männern? Soll er das Surfboard wachsen oder die Slackline spannen? Oder zu Hause die Rassekatze und die Adoptivkinder pflegen, während sie mit Panzerfäusten jonglierend auf einem brennenden Pony Purzelbäume schlägt? Groß muss der Mann sein. Langes Haar, keinen Bart und keine Brille haben. Also quasi immer das Gegenteil von mir. Ich habe mal im Internet nach Trainingsmethoden gesucht, die die Körpergröße in weniger als 8 Wochen um 15 Zentimeter erhöhen. Dass ist aber alles recht unseriös, finde ich. Aber ich bleibe am Ball. Jetzt muss ich erst einmal einen Termin zur Haartransplantation und zum Augenlasern machen. Dann bin ich endlich der, den alle haben wollen.

3 Kommentare 10.3.19 17:16, kommentieren

Plötzlich sind Frauen wieder doof

Es ist Samstag. Der Wecker klingelt um 8. Ich packe Kisten und Müllsäcke. Nein, ich ziehe nicht um. Aber mit meiner Freundin ist Schluss. Nach 2 Jahren, 3 Monaten und 23 Tagen, drei Beinahetrennungen, unzählige Streitereien, ging eine weitere Beziehung in die Brüche. Als sie vor zwei Jahren gestand, dass sie Boarderlinerin ist, dachte ich noch: Das schaffe ich schon. Doch systematisch wurde ich weiter und weiter von ihr weggeschoben, bis so viel Luft zwischen uns war, dass da plötzlich Platz für ein Tropical Island wäre. Oder für einen neuen Freund, den sie ja dann auch schon nebenbei warmhielt.

Wer im Internet mal nach Boarderline und Beziehung googelt, wird immer auf eine Aussage treffen: Lauf!

Klar, kann man nicht jeden Menschen mit der Krankheit für beziehungsunfähig erklären, doch gewisse Neigungen werden eine gemeinsame Zukunft fast unmöglich machen. Also gingen wir getrennte Wege. Ein fremdes Auto parkte auf der Einfahrt und ihr Neuer stieg aus. Gemeinsam trugen sie ihre Habseligkeiten aus dem Treppenhaus nach unten. Ich hatte ihre Sachen vor die Haustür gestellt und konnte so der ganzen Unannehmlichkeit entgehen.

Was liegt jetzt vor mir? Vermutlich die üblichen Demütigungen der Singleapps, hoffnungslose Versuche, in der Disco jemanden anzusprechen und die Frage, ob ich jetzt wieder 22 Monate oder gar länger allein lebe. Spaziergänge in denen man vermutlich von gecasteten Paaren nur so umzingelt wird.

16 Millionen Singles in Deutschland. Das ist eine Zahl, die deutlich macht, wie schnelllebig und wegwerfbar Beziehungen geworden sind. Warum noch daran arbeiten, wenn man per Mausklick schon einen neuen Kandidaten hat. Ich habe Angst vor der Zukunft, in der jeder sich selbst der nächste ist. In der das Leistungsprinzip einmal mehr zum Faktor wird. Nun, mein Nachfolger ist ein Besserverdiener, der sich für eine Rallye mal schnell ein spezielles Auto gekauft hat. Also zu viel Freizeit und zu viel Geld. Perfekt, um sich ins gemachte Nest zu setzten.

Ich vermisse sie nicht, die 22 Monate, in denen ich glaubte, dass ich bei Frauen genau so beliebt bin, wie Brustkrebs. Meine Eltern wissen Bescheid. Die Sache mit Enkelkindern wird wohl nicht mehr passieren. Mit fast 37 werde ich wohl kaum zur zukünftigen Familienplanung kommen. Ist auch keine Zeit mehr dafür, wo ich erst einmal der Meinung bin, dass alle Frauen doof sind. Eben, wie damals in der Schule. Ob sich das je ändert, sehe ich vielleicht in 22 Monaten oder so...

2.3.19 16:52, kommentieren

Der Tod und das Mädchen

Wie geht man mit dem Tod um? Das habe ich mich öfter gefragt.Nicht, weil ich mit 36 schon über das Sterben nachgedacht habe. Aber, wenn man schon einmal auf einer Beerdigung war, kennt man das Gefühl. Die Frage. Was kommt danach? Wo gehen wir hin? Für gewöhnlich sind die Menschen, die beerdigt werden, älter als ich. Viel älter. Doch nicht dieses Mal. Ich stehe vor einem weißen Kindersarg. Ein befreundetes Paar sitzt in der ersten Reihe der Kapelle. Wie kann so etwas passieren? Ihre Tochter, keinen Monat alt, starb noch im Krankenhaus an den Folgen eines schweren Geburtsfehlers. Ich sitze da und betrachte die Blumen, das gerahmte Foto und den makellosen, viel zu kleinen Sarg. Da liegt kein Mensch drin, denke ich. Zumindest kein Mensch, der je richtig lebte. Dessen Füße durch die Welt gingen, dessen Stimme und Lachen in meiner Erinnerung waren.

Das war zu früh. Ohne Sinn. Ungerecht. Die Eltern- am Boden zerstört. Sie haben für immer die Erinnerung, ein Kind zu Grabe getragen zu haben. Etwas, dass man absolut niemanden Wünschen würde. Was sagt man zu ihnen? Das wird schon wieder? Die Zeit heilt alle Wunden? Ich glaube, diesmal nicht.

Meine Oma hat ihren Sohn beerdigt, als dieser mit 38 Jahren gestorben ist. Woran, wissen wir alle nicht. Was meinem Onkel gesundheitlich passiert ist, wissen nur die Ärzte. Er war einfach tot. Danach war unsere Familie nicht mehr die selbe. Familienfeiern waren anders. Meine Großeltern wollten nicht, dass ihre Kinder vor ihnen gehen. Doch ein Sohn tat es. Jetzt liegen sie alle drei vereint in einem Grab. Ich war bei allen Beerdigungen. Doch nichts ist mit einem Kindergrab gleichzusetzen. Noch immer weiß ich nicht, was ich sagen oder tun kann. Nur stumm dastehen und zuhören. Da sein. Das kann ich tun. Aber niemals werde ich sagen, dass ich weiß, wie sie sich fühlen. Vielleicht kommt der Tag, an dem sie ein anderes Kind im Arm halten oder zur Schule bringen. Doch es wird eines Tages erfahren müssen, dass es mal eine Schwester gab. Vor vielen Jahren. Ein Kind, dass starb, bevor es richtig leben durfte.

6.2.19 01:03, kommentieren

Ein Tattoo zum Mitnehmen, bitte!

Wer kennt sie nicht, die Herren im Fitnessstudio, die Sportler im Fernsehen und die Rockstars auf der Bühne! Alle haben sie bunte Bildchen auf dem Bizeps. Vorbei das Klischee des Exsträflings oder Piraten, der mit Anker, Mutti- Herz oder barbusiger Meerjungfrau die schöne Zeit seines Strafvollzugs auf dem haarigen Unterarm verewigt.

Tattoos sind längst im Mainstream angekommen. Seit Jahren trieb mich der Wunsch ebenfalls, mir ein nettes Motiv auf der Pelle zuzulegen. Nicht so ein Knastding oder ein Hinterhoftattoo, dass jemand mal nebenbei in seiner Bude sticht, so ganz ohne Hygiene oder Fachkenntnisse. Es sollte schon eine professionelle Arbeit sein. Ein Freund empfahl mir ein richtiges Tattoostudio. Also fuhren wir mal hin. Die Stadt ist ja voller netter Studios. Ich trug meinen Wunsch vor und bekam einen Termin und eine echt schöne Vorzeichnung.

Zwei Monate später lag ich dann auf einer Liege und die Nadel begann zu brummen. Drei Fragen tauchten in meinem Hirn auf:

1. Wird mir das fertige Tattoo gefallen?

2. Reagiert meine Haut auf die Belastung ohne Komplikationen?

3. Halte ich den Schmerz überhaupt aus?

Als die Nadel auf mein zartes Fleisch traf, wurde zumindest die dritte Frage sofort beantwortet. Der Schmerz war zwar nicht angenehm aber aushaltbar, fast wie Volksmusik. Nach fast drei Stunden war das Kunstwerk fertig. Und was soll ich sagen? Das Ergebnis war all die Mühe wert. Was jetzt kommt, ist die Nachpflege. Abwaschen, eincremen, kein Sport, kein Schwitzen. Ein Prozess, der sich noch einige Wochen hinziehen wird. Vor allem das Sportverbot fällt mir sehr schwer. Aber wer will schon, dass durch Schweiß und reibende Kleidung das zerstört wird, was mir mühsam auf die Epidermis gestochen wurde. Also bleibt man eben eisern. Ist wie mit schwangeren Frauen und dem Nichtrauchen. Nur halt weniger als 9 Monate.

Ob ich mir auch ein zweites machen lassen würde? Vermutlich. Aber das sollte dann schon ein Motiv sein, dass mir auch etwas bedeutet. Nicht, dass ich dann auch einen Anker oder eine Meerjungfrau auf der Schulter habe.

1 Kommentar 9.12.18 23:21, kommentieren

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