Der Tod und das Mädchen

Wie geht man mit dem Tod um? Das habe ich mich öfter gefragt.Nicht, weil ich mit 36 schon über das Sterben nachgedacht habe. Aber, wenn man schon einmal auf einer Beerdigung war, kennt man das Gefühl. Die Frage. Was kommt danach? Wo gehen wir hin? Für gewöhnlich sind die Menschen, die beerdigt werden, älter als ich. Viel älter. Doch nicht dieses Mal. Ich stehe vor einem weißen Kindersarg. Ein befreundetes Paar sitzt in der ersten Reihe der Kapelle. Wie kann so etwas passieren? Ihre Tochter, keinen Monat alt, starb noch im Krankenhaus an den Folgen eines schweren Geburtsfehlers. Ich sitze da und betrachte die Blumen, das gerahmte Foto und den makellosen, viel zu kleinen Sarg. Da liegt kein Mensch drin, denke ich. Zumindest kein Mensch, der je richtig lebte. Dessen Füße durch die Welt gingen, dessen Stimme und Lachen in meiner Erinnerung waren.

Das war zu früh. Ohne Sinn. Ungerecht. Die Eltern- am Boden zerstört. Sie haben für immer die Erinnerung, ein Kind zu Grabe getragen zu haben. Etwas, dass man absolut niemanden Wünschen würde. Was sagt man zu ihnen? Das wird schon wieder? Die Zeit heilt alle Wunden? Ich glaube, diesmal nicht.

Meine Oma hat ihren Sohn beerdigt, als dieser mit 38 Jahren gestorben ist. Woran, wissen wir alle nicht. Was meinem Onkel gesundheitlich passiert ist, wissen nur die Ärzte. Er war einfach tot. Danach war unsere Familie nicht mehr die selbe. Familienfeiern waren anders. Meine Großeltern wollten nicht, dass ihre Kinder vor ihnen gehen. Doch ein Sohn tat es. Jetzt liegen sie alle drei vereint in einem Grab. Ich war bei allen Beerdigungen. Doch nichts ist mit einem Kindergrab gleichzusetzen. Noch immer weiß ich nicht, was ich sagen oder tun kann. Nur stumm dastehen und zuhören. Da sein. Das kann ich tun. Aber niemals werde ich sagen, dass ich weiß, wie sie sich fühlen. Vielleicht kommt der Tag, an dem sie ein anderes Kind im Arm halten oder zur Schule bringen. Doch es wird eines Tages erfahren müssen, dass es mal eine Schwester gab. Vor vielen Jahren. Ein Kind, dass starb, bevor es richtig leben durfte.

6.2.19 01:03

Letzte Einträge: Ein Tattoo zum Mitnehmen, bitte!, Von Frauen und anderen Extremen, All you can friss, Glück kann man jetzt lernen, Musik und Schnauze halten

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen
Werbung